Tempo, Tempo

711456_web_R_K_B_by_H.-J. Grosche_pixelio.deZum Klischee gehört, dass Schweizer langsam sprechen. Innerhalb der Schweiz gelten ja nur Berner als langsam. Vermutlich weil wir in den Ferien in die Schweiz fuhren, erfuhr ich das schon als Kind und kann mich sogar noch an einen Witz erinnern, bei dem der Berner eine Schnecke tottrat, weil sie plötzlich von hinten hervorgeschnellt kam. Ganz aus der Luft gegriffen ist zumindest das Berner Klischee nicht, sind Fussgänger in Bern laut einer Studie doch zu die langsamsten aller untersuchten westlichen Länder. Andererseits erzählte mir kürzlich eine gebürtige Bernerin, wie ungeduldig sie wurde, weil bei ihrem Besuch in Dresden vieles so langsam ging!

Der Schweizerhochdeutsch-Duden befasst sich zwar recht ausführlich mit der Standardaussprache in der Schweiz, geht aber auf das Sprechtempo nicht ein. Mundart wird in Bern sicher gemächlicher gesprochen als in St. Gallen, wie ist es aber mit dem Hochdeutsch? Viele Schweizer empfinden es als Fremdsprache und sprudeln deshalb nicht ungehemmt drauflos. Umgekehrt fühlen sich viele Schweizer durch schnell sprechende Deutsche geradezu überfahren. Jens Korte, der sowohl fürs deutsche wie fürs Schweizer Fernsehen von der New Yorker Börse berichtet, erzählte, dass die Schweizer Redaktoren ihn baten, doch bitte etwas langsamer zu reden.

Nachdem ich anfing, Mundart zu sprechen, sagte mir mal ein Schweizer, ich müsste etwas langsamer reden, damit es echt klänge. Ob es am rollenden „R“ liegt? Nach meinem Empfinden verlangsamt das gerollte R die Sprache automatisch – zumindest im Deutschen, inklusive Mundart. Italiener sind nicht gerade für ihr gemütliches Sprechtempo bekannt, doch dort taucht das R nur selten in Kombination mit anderen Konsonanten auf. Vielleicht stimmt es auch einfach tatsächlich, dass Schweizer weniger unbedarft drauflos plappern und daher für ihre Äusserungen etwas mehr Zeit brauchen.

 

Foto: H.-J. Grosche, pixelio.de

 

facebookfacebookby feather

facebooktwittergoogle_pluslinkedinmailfacebooktwittergoogle_pluslinkedinmailby feather

Kommentare (2)

  1. Martin

    Meiner Meinung ist nicht zu verachten, dass die ‘Schriftsprache’ für Schweizer eine Fremdsprache ist, welche nach dem hören erst in die eigene Sprache übersetzt werden muss.
    Würden wir beide z. B. englisch als Kompromiss sprechen, sprächen wir automatisch etwas langsamer, da wir einerseits selbst etwas Zeit benötigen um die richtigen Worte zu wählen, und andererseits davon ausgehen, dass das Gegenüber nicht jedes Wort sofort versteht.
    Der nativ deutsch sprechende wird automatisch in sein übliches Redetempo verfallen, wenn er mit Schweizer spricht – da der Schweizer ja auch ‘deutsch’ spricht. Dass dem nicht so ist, merkt der Deutsche erst, wenn der Schweizer in seiner Sprache Spricht.

    Antworten
    1. Julia (Beitrag Autor)

      Danke für den Kommentar! Das stimmt – allerdings ist Mundart für mich auch eine “Fremdsprache”. Trotzdem muss ich mein Tempo eher zügeln…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>